Der Karriereweg von Christiane Drechsel ist alles andere als gewöhnlich. Nach vielen Jahren Tätigkeit im SPA-Bereich an Bord und an Land entschied sie sich während der Corona-Zeit, ihren langjährigen Traum zu verwirklichen und mit 39 Jahren noch einmal ganz neu anzufangen. Im Interview spricht sie über Gegenwind, Mut, prägende Momente auf See und ihren Weg Richtung Kapitänspatent.
Du hast als Kosmetikerin auf Kreuzfahrtschiffen angefangen und strebst heute eine Karriere auf der Brücke an. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Karrierewechsel – und wann stand für dich fest, dass du selbst in die Nautik möchtest?
C: Für mich war schon immer klar, dass ich zur See fahren möchte. Es war für mich dabei nie einfach nur eine Karriere, sondern immer ein Beruf, den ich mit viel Herzblut ausübe.
2005 bin ich also als Kosmetikerin an Bord MS Deutschland gestartet. Nach einigen Jahren zog es mich 2010 zwar kurzzeitig zurück an Land, dort habe ich jedoch schnell gemerkt, wie sehr mir das Meer fehlt. Deshalb kehrte ich wieder an Bord zurück und arbeitete anschließend auf der Mein Schiff Flotte als SPA & Sport Managerin.
2014 ging es für mich doch an Land, wo ich viele weitere Jahre für sea chefs als SPA Operations Managerin gearbeitet und die SPA-Bereiche an Bord geleitet habe. Durch meinen Verantwortungsbereich war ich weiterhin viel auf den Schiffen unterwegs,
sodass der Bezug zur Seefahrt nie verloren gegangen ist.
Eigentlich wusste ich aber schon nach meinem ersten Vertrag an Bord: Ich hätte Nautik studieren sollen. Vor 20 Jahren war die Seefahrt – gerade für Frauen – allerdings noch nicht so selbstverständlich, wie sie es heute ist. Während der Corona-Zeit hatte ich dann endlich die Ruhe, mir intensiv Gedanken über mein Leben und meine Wünsche zu machen. Am Ende habe ich entschieden, meinen Traum zu verwirklichen – und mit 39 Jahren noch einmal ganz neu angefangen.
Du warst für verschiedene Reedereien und Schiffe tätig – welche Stationen haben dich besonders geprägt und was hast du aus deiner Zeit bei sea chefs mitgenommen?
C: Als Crew-Mitglied war ich zunächst an Bord MS Deutschland und danach auf der Mein Schiff Flotte tätig. Später durfte ich im Office als SPA Operations Managerin die SPA & Sport Bereiche der Mein Schiff Flotte leiten und in diesem Zuge die Indienststellungen der Mein Schiff 3, 4, 5 und 6 begleiten.
Anschließend wechselte ich das Produkt und verantwortete den gesamten OCEAN SPA der Schiffe von Phoenix Reisen sowie Hapag-Lloyd Cruises. Dabei begleitete ich unter anderem die Indienststellung der Amera von Phoenix Reisen sowie der kompletten Expeditionsflotte von Hapag-Lloyd Cruises mit den Schiffen HANSEATIC nature, HANSEATIC spirit und HANSEATIC inspiration. Insgesamt waren es elf Kreuzfahrtschiffe mit elf SPA-Bereichen, die ich in dieser Zeit geleitet habe.
sea chefs war dabei das Beste, was mir persönlich passieren konnte. Ich wurde dort gefördert und gefordert und hatte die Möglichkeit, mich sowohl beruflich als auch persönlich weiterzuentwickeln.
Wie erlebst du die Seefahrt als Frau – und was würdest du anderen Frauen raten, die einen mutigen Karriereschritt wagen möchten?
C: Ich habe selten so viel Gegenwind erlebt wie in dem Moment, als ich gesagt habe, dass ich noch einmal bei null anfange und Nautik studiere. Umso dankbarer bin ich für Menschen, die mich auf diesem Weg unterstützt haben – zum Beispiel meine damalige Geschäftsführung und die ehemaligen Gesellschafter.
Ein Satz aus der Führungsebene begleitet mich bis heute: „Der Weg wird durchgezogen und nicht abgebrochen.“ Und genau das habe ich getan.
Für mich steht im Vordergrund, dass wir alle denselben Job machen – unabhängig vom Geschlecht. In der Seefahrt zählen vor allem Kompetenz, Verantwortung und Teamarbeit. Umso schöner ist es, wenn heute mehr Frauen sichtbar werden und den Mut haben, ihren eigenen Weg in der Seefahrt zu gehen.
Deshalb kann ich anderen Frauen nur sagen: Go for it. Man hat nur dieses eine Leben. Wenn man für etwas brennt, sollte man den Mut haben, es auch umzusetzen.
Was waren bisher die größten Herausforderungen auf See – und worauf bist du heute besonders stolz?
C: Die Seefahrt hat meinen Blick auf die Welt und auf viele Dinge im Leben verändert. Ich hatte das Privileg, große Teile der Welt bereisen zu dürfen, und nehme vieles heute bewusster wahr.
Herausforderungen sehe ich dabei eher als einzelne Schritte, an denen ich wachsen kann. Jedes Mal, wenn ich auf der Brücke neue Aufgaben eigenständig übernehmen durfte, war das ein besonderer Moment für mich. Natürlich geht es dabei auch darum, Verantwortung zu übernehmen und zu zeigen, dass man das nötige Fachwissen und die Fähigkeiten mitbringt.
Besonders stolz bin ich darauf, diesen Schritt überhaupt gewagt zu haben – trotz des Gegenwindes. Ich habe mir selbst bewiesen, dass man viel erreichen kann, wenn der Wille da ist. Außerdem habe ich mein Studium sogar unter der Regelstudienzeit abgeschlossen und zwei Stipendien erhalten.
Welche Erlebnisse, Orte oder Begegnungen aus deiner Zeit auf See sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?
C: Da gibt es viele besondere Momente. In Venedig oder New York einzulaufen, ist natürlich beeindruckend. Aber auch die Arktis, die Antarktis oder Norwegen gehören zu den schönsten Orten, die ich erleben durfte.
Trotzdem bleibt der Hamburger Hafen für mich der schönste Hafen überhaupt – einfach, weil er bedeutet, nach Hause zu kommen.
Besonders sind aber auch die Menschen, die man auf diesem Weg kennenlernt. Viele Gäste begleiten meinen Weg bis heute und fragen immer wieder, wie sich alles weiterentwickelt hat.
Und auch Kollegen werden mit der Zeit oft zur Familie. Eine meiner engsten Freundinnen kenne ich seit 2005 – diese Freundschaft hält inzwischen seit über 20 Jahren.
Wo siehst du dich in den nächsten Jahren – und was ist dein großes Ziel in der Seefahrt?
C: Die Seefahrt ist unglaublich vielfältig, deshalb weiß ich gar nicht genau, wo ich in fünf Jahren stehen werde.
Der nächste Schritt ist für mich jetzt erstmal, mein Patent entgegenzunehmen und offiziell als nautische Wachoffizierin zu arbeiten. Danach möchte ich mein Chief Mate-Patent (Erster Offizier) und später mein Kapitänspatent ausfahren.
Mein großes Ziel ist es, irgendwann selbst das Kommando über ein Schiff zu führen.
Vielen Dank, Christiane, für diese tollen Einblicke in deinen Karriereweg!
Stand: Mai 2026
Alle Fotos © Christiane Drechsel





